„Sport ist so wichtig wie ein Krebsmedikament.“

Onkologie und Sport – Das richtige Trainingsprogramm für Krebspatient:innen

Dr. Holger Krakowski-Roosen, Professor für Angewandte Sportwissenschaften an der Hochschule Hamm-Lippstadt und damaliger Leiter der Arbeitsgruppe Sport und Krebs am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg (DKFZ) erklärt die Wichtigkeit von Bewegung in Form von medizinischer Trainingstherapie während der Überlebenszeit in der Onkologie.

Es ist in der Allgemeinheit bekannt, dass Trainingstherapie bei Patient:innen in der Onkologie als zusätzliche Therapieoption in Betracht gezogen werden und bei einer Vielzahl von Tumorentitäten in verschiedener Weise sich eine positive Auswirkung entfalten kann.

Neben alltäglichen Aktivitäten und Gartenarbeit können vor allem mithilfe von ausgebildeten Fachleuten aus der Physiotherapie und ambulanten (stationären) Rehabilitation zu einer positiven Entwicklung und sicheren Betreuung beitragen.

Auch in Einrichtungen des Gesundheitssports wie in qualitätsorientierten Fitnessstudios oder Vereinen sind zunehmend betreute Trainingstherapien speziell für Patient:innen aus der Onkologie zu finden.

Die individuelle Betreuung der Tumorpatient:innen kann aufgrund der herkömmlichen Behandlungen (Operationen, Bestrahlungen) zu besonderen Einschränkungen führen und muss mit tagesformabhängigen Bewegungstherapien behandelt werden.

Die Herausforderung ist die passende Dosis der Trainingsintensität und -dauer, welche in der Planung von Trainingstherapeut:innen beachtet werden muss.

Welche speziellen Trainingsmethoden erweisen sich bei den Patient:innen als hilfreich?

Krafttraining

Intensives Krafttraining ist insbesondere bei Krebspatient:innen mit einer Kachexie (Abbau von Körper- und Muskelmasse) weniger zielführend und sollte vermieden werden. Das Krafttraining mit einer geringen metabolischen Belastung ist hier empfehlenswert. Hierfür ist jedoch vor allem die Auswahl der geeigneten Formen des Krafttrainings entscheidend und muss im therapeutischen Sinne in seiner Vielfältigkeit richtig verstanden werden. Eine Unterscheidung kann hier anhand einer dynamischen oder statischen Belastung erfolgen.

Isoliertes statisches KT = Eher ungeeignet bei ungeübten Patient:innen

Die Muskelspannung ohne äußere Bewegung ist eher weniger motivierend, da ein „Überwinden“ oder das „Erreichen“ der Bewegungsamplitude fehlt.

Empfehlungen: Das statische Krafttraining sollte außerhalb von digitalen Krafttests nicht durchgeführt werden. Bei der Durchführung von isometrischen Krafttests sollten die Patient:innen nicht in eine Pressatmung verfallen, um Schwindel und Übelkeit zu vermeiden.

Dynamische Methoden des KT = Eher geeignet für eine effektive Trainingstherapie bei Patient:innen

Beachte: Isokinetische Belastungen mit den jeweiligen Geräten werden hier meist als das Non-Plus-Ultra beworben. Hier wird oftmals nicht ausreichend berücksichtigt, dass bei dieser Methode eine ausgeprägte eigene Motivation der Patient:innen notwendig ist. Insgesamt ist ein solches System sehr hilfreich und bei der Anwendung sollte mit mehreren Geschwindigkeiten gemessen werden.

Trainingsgeräte mit herkömmlichen Gewichtsstapeln werden vielfach in der Trainingstherapie im Bereich der Onkologie eingesetzt, da sie durch das spürbare Überwinden der Schwerkraft mehr Eigenmotivation bieten. Digitale Darstellungen können bei den unterschiedlichen dynamischen Methoden als Hilfestellung unterstützen.

  • Dauer der dynamischen Trainingsphasen: ca. 4-6 Wochen
  • Abwechslungsphasen im Training mit intramuskulären Koordinationstraining (IK) und Maximalkrafttraining (MK): ca. 3-4 Wochen

Trainings-Tipp: Für das IK bieten sich auch funktionelle Übungen als Zusatz an. Vor allem in kleinen Gruppen kann das Training entsprechend motivierend geplant werden.

Ausdauertraining

Bei Patient:innen mit Fatigue-Syndrom (Antriebslosigkeit, Müdigkeit) unterstützen vor allem professionelle Trainingsgeräte mit einer Parametrierung der Wattleistung. In wissenschaftlichen Studien wird bislang regelmäßig das Ausdauertraining mit der herkömmlichen Dauermethode (70-80% der maximalen Ausdauerbelastung) eingesetzt. Neben ersten Fallstudien zur Intervallmethode wären hier bessere Studien wünschenswert

Vorteil der Intervallmethode = Zeitersparnis für kosteneffiziente medizinische Trainingstherapie

Fazit

Medizinische Trainingstherapie mit kontrollierter Betreuung in professionellen Gesundheitseinrichtungen löst positive Anpassungsreaktionen bei den Krebspatient:innen aus und sollte von Onkolog:innen als zusätzliche Therapieoption begriffen werden, um die positiven Wirkungen entfalten zu können.

 

 

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